Vor Jahren, als Hoschang Noori gerade zwei Jahre alt war, flohen seine Verwandten aus Afghanistan über Moskau, gefolgt von seiner Mutter mit Hoschang und seiner Schwester. „Du kannst dir vorstellen, wie gefährlich eine solche Reise war, vor allem für eine Frau mit zwei kleinen Kindern. Immerhin waren wir in Begleitung eines männlichen Verwandten.“ Zwei Jahre nach ihrer Ankunft in Deutschland zog Hoschangs Vater nach. „Wir waren noch sehr jung und hatten keine Erinnerung an unseren Vater; wir trafen ihn zum ersten Mal um Mitternacht im Wohnzimmer, im Beisein meiner Mutter und zweier Onkel.“ Der heute 29-jährige Hoschang lebt in Kassel und hat drei kleinere Geschwister. Sein Vater war Kunstdozent an der Universität Kabul, seine Mutter war Lehrerin an einer örtlichen Schule. In Deutschland lebte die Familie in einer Kleinstadt im Sauerland. Dort begannen Hoschangs Eltern als Gebäudereiniger zu arbeiten, um die Familie in die deutsche Gesellschaft zu integrieren und schließlich die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten, um die Zukunft ihrer Kinder zu sichern.
Hoschang ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet für Mess- und Regelungstechnik an der Universität Kassel. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich Photonik und Quantentechnologien. Für seinen Bachelor-Abschluss in Maschinenbau hat er viel länger gebraucht als erwartet. „Ich hatte jüngere Geschwister und Verwandte, für die ich Führungsverantwortung übernehmen musste. Es ging sehr viel schief und das war sehr frustrierend.“, sagt er. Im Masterstudium verlagerte er seinen Schwerpunkt auf informationstechnischere Inhalte, eine Entscheidung, die er auf den Betreuer seiner Bachelorarbeit zurückführt. Während dieser Zeit schrieb er eine Projektarbeit über Informed Machine Learning unter der Aufsicht eines wissenschaftlichen Mitarbeiters, der ihn später fragte, als studentische Hilfskraft für ihn weiter zu arbeiten. Hoschang nahm dieses Angebot an und schrieb später seine Masterarbeit über die nichtlineare Dynamik rekurrenter neuronaler Netze und positionierte sich damit an der Schnittstelle zwischen KI und Physik. Schließlich bot ihm der Professor eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an. „Ich nahm die Stelle an, weil mich der vielfältige Arbeitsalltag aus Forschung, Management und Lehre sehr reizte. Zu meinen täglichen Aufgaben gehören insbesondere die Durchführung von Experimenten, die Programmierung von Bildverarbeitungs- und Computergrafik-Algorithmen, die Betreuung von studentischen Arbeiten, die Durchführung von Lehrveranstaltungen sowie das Lesen und Schreiben von wissenschaftlichen Artikeln.“
Lange Zeit dachte Hoschang, dass er aufgrund seiner Herkunft ungerecht behandelt wird, „dann habe ich begriffen, dass das Leben einfach ungerecht ist. Ich habe dann versucht irgendwie aus dieser Opferrolle rauszukommen.“, sagt er. Hoschang zufolge bietet der Westen eine einzigartige Chance für soziale Mobilität, selbst für Menschen, die im Grunde genommen Außenseiter sind. „Solche Möglichkeiten gibt es nirgendwo sonst auf der Welt. Um es unverblümt zu sagen: Ein Afghane im Iran wird es zu nichts bringen. Ein Syrer wird in Ägypten kaum etwas erreichen. Und jemand aus Bangladesch oder Pakistan ist in den Golfstaaten zu einem Leben in Armut und Sklaverei verdammt. Das sollte man bedenken.“ Er stimmt zu, dass soziale Mobilität eine Herausforderung ist, betont aber auch die Möglichkeiten. „Der Westen ist durchaus kritikwürdig, aber er kann auch mit Kritik umgehen. Einige, gerade die Elterngeneration, werfen dem Westen seine Schwächen vor. Dagegen kann ich nicht argumentieren. Aber es ist zumindest möglich, den Westen an seine Ideale zu erinnern. Das ist in China oder Russland nicht möglich..“
Hoschang trinkt gerne grünen Tee und mag afghanisches Essen. Außerdem hört er sich gerne Rubab- und Tabla-Konzerte an. „Ein Freund von mir ist ein ausgezeichneter Rubab-Spieler und organisiert solche Veranstaltungen. Er hat mir sogar einmal seine teure Rubab geliehen, damit ich lernen kann, wie man sie spielt. Über die gesellschaftlichen Normen und Werte Afghanistans kann ich nicht viel sagen. Alles, was ich schätze, habe ich von meinen Eltern mitbekommen“, sagt er über seine Herkunft.
Wenn es um Freundschaften geht, spielt für Hoschang weder die ethnische Zugehörigkeit noch die Religion eine Rolle; andere Faktoren sind wichtiger. „Wenn ich darüber nachdenke, besteht mein engster Kreis hauptsächlich aus Leuten mit einer Art von Migrationshintergrund aus dem ehemaligen Ostblock. Die meisten meiner Freunde sind aber tatsächlich Deutsche. Auf meinem bisherigen Weg traf ich nur selten andere Afghanen.”
In Zukunft möchte sich Hoschang gerne an großen Forschungs- und Entwicklungsvorhaben beteiligen. Er probiert auch gerne neue Dinge aus, denn „man lernt dabei viel über sich selbst. Während meines Bachelorstudiums habe ich viel Kampfsport betrieben. Letzten Winter habe ich einen Salsa-Kurs gemacht. Außerdem habe ich einmal in einem Chor gesungen.“

