Aus dem Klassenzimmer verbannt, Wiederaufbau über Grenzen hinweg


Mit 35 Jahren stammt Nargis Mommand aus einer eng verbundenen Familie mit fünf Geschwistern – zwei Brüdern und zwei Schwestern. Sie beschreibt ihre Kindheit als prägend für ihren Charakter:

„Das Aufwachsen in einer solchen Familie hat mir ein starkes Verantwortungsbewusstsein, Durchhaltevermögen und Engagement für Bildung vermittelt. Diese Werte haben sowohl mein Privat- als auch mein Berufsleben geprägt.“

Nach ihrem Bachelor- und Masterabschluss in Sozialwissenschaften an der Universität Kabul begann Nargis ihre akademische Laufbahn als Assistenzprofessorin an der Kabul Educational University, der Bakhtar University und der Rana University.

„Diese Erfahrung verschaffte mir einen breiten akademischen Horizont und ermöglichte mir den Kontakt zu Studierenden mit unterschiedlichen Hintergründen“, erklärt sie.

Universitätsprofessorin zu werden, war von Anfang an ihr Ziel.

„Während meines Bachelorstudiums habe ich konsequent Bestnoten angestrebt, um mir Chancen für weiterführende Studien zu sichern. Meine A-Noten im Bachelor- und Masterstudium ermöglichten es mir, am hochkompetitiven Auswahlverfahren für eine Lehrstelle an einer staatlichen Universität teilzunehmen. Obwohl ich mehrere Anläufe benötigte, war ich schließlich erfolgreich – ein Beweis für meine Ausdauer und Entschlossenheit.“

Parallel zu ihrer akademischen Tätigkeit absolvierte Nargis eine einjährige Spezialisierung in Politik und Diplomatie beim afghanischen Außenministerium. Zudem sammelte sie umfangreiche Erfahrungen im öffentlichen Dienst bei der Stadtverwaltung von Kabul, wo sie als Sprecherin tätig war und ihre Kompetenzen in öffentlicher Kommunikation und Bürgerarbeit weiterentwickelte. Darüber hinaus arbeitete sie mit der GIZ (Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit) zusammen und war an der Entwicklung von Lehrplänen für Studierende beteiligt, wodurch sie wertvolle Erfahrungen im Bereich Bildungspolitik und Programmentwicklung sammelte.

Später übernahm sie leitende Positionen im Verteidigungsministerium, wo sie als Bildungsberaterin des stellvertretenden Verteidigungsministers tätig war. Anschließend arbeitete sie bei der Unabhängigen Direktion für lokale Verwaltung als Direktorin für Medien und Öffentlichkeitsarbeit und koordinierte die Sprecher aller 35 Provinzen.

Als Autorin hat Nargis vier Bücher veröffentlicht. Eines davon wurde als bestes Buch ausgezeichnet und brachte ihr 2018 den Preis als beste Autorin vom Ministerium für Information und Kultur Afghanistans ein – „eine meiner stolzesten beruflichen Errungenschaften“, sagt sie.

Rückblickend auf Afghanistan vor der Machtübernahme der Taliban betont Nargis, dass das Land trotz bestehender Herausforderungen bedeutende Fortschritte in den Bereichen Bildung, Medien, Zivilgesellschaft und Frauenbeteiligung gemacht hatte.

„Frauen waren als Führungskräfte, Fachkräfte, Sprecherinnen und Wissenschaftlerinnen aktiv und trugen wesentlich zu Regierungsführung, Bildung und gesellschaftlicher Entwicklung bei.“

Heute sei die Situation jedoch grundlegend anders:

„Unter den Taliban wurden Frauen systematisch von Universitäten und den meisten Berufsfeldern ausgeschlossen. Die Fortschritte von zwei Jahrzehnten wurden ausgelöscht. Das ist nicht nur eine persönliche Tragödie, sondern auch eine gesellschaftliche – denn kein Land kann sich entwickeln, wenn die Hälfte seiner Bevölkerung zum Schweigen gebracht wird.“

Der Wendepunkt in ihrem Leben kam im September 2021.

„Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem ich versuchte, die Universität zu betreten, und mir der Zutritt verweigert wurde. Schritt für Schritt wurden Frauen vollständig aus den Universitäten ausgeschlossen, sodass es in Afghanistan keine Professorinnen mehr gab.“

Aufgrund ihrer früheren Zusammenarbeit mit der GIZ konnte Nargis 2022 gemeinsam mit ihrer Familie nach Deutschland ausreisen und hier ein neues Leben in Sicherheit beginnen. Sie setzte ihre akademische Laufbahn fort und absolvierte in Polen einen zweiten Masterstudiengang in Internationalen Organisationen, wodurch sie ihre Expertise in globaler Governance, Politik und internationaler Zusammenarbeit weiter vertiefte.

Der Neuanfang in Deutschland war eine große Herausforderung.

„Alles war neu – die Kultur, das System und vor allem die Sprache. Deutsch zu lernen erforderte Ausdauer, aber ich habe Schritt für Schritt daran gearbeitet, mein Berufsleben neu aufzubauen.“

Dank ihrer Erfahrung im Medienbereich konnte sie wieder in diesem Feld Fuß fassen und arbeitete von 2022 bis 2023 bei Radio Free Europe. Von Ende 2023 bis Anfang 2025 war sie an einem Projekt des US-Außenministeriums in Deutschland beteiligt.

Nach mehreren Versuchen erreichte sie schließlich einen wichtigen Meilenstein: Sie wurde Dozentin an der FOM Hochschule in Deutschland und unterrichtet Kommunikationskompetenzen im wirtschaftlichen Kontext.

„Diese Erfahrungen haben meinen Glauben bestärkt, dass nichts unmöglich ist, wenn man entschlossen ist, durchhält und an sich selbst glaubt.“

Nachdem sie das Sprachniveau B2 erreicht hat und sich derzeit auf dem Niveau C1.2 befindet, fühlt sich Nargis zunehmend sicherer und integrierter.

„Die Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Sie ermöglicht das Verständnis von Kultur, Verhalten und sozialen Normen. Je besser mein Deutsch wird, desto mehr fühle ich mich als Teil der Gesellschaft.“

Ihre Botschaft an alle Afghaninnen und Afghanen ist klar:

„Lernt zuerst die Sprache. Sie ist die Brücke zu Verbindung, Integration und einem neuen Leben.“

Auch über ihre akademische Arbeit hinaus engagiert sich Nargis stark. 2023 erhielt sie für ihr ehrenamtliches Engagement den World Peace Award in Schweden, und Anfang 2024 wurde sie in Zypern als Global Peace Ambassador ausgezeichnet. Zudem gründete sie in Deutschland Farkhunda Foundation, die Geflüchtete in Europa unterstützt und Bildungsinitiativen in Afghanistan fördert – darunter geheime Schulen und Online-Unterricht für Mädchen.

„Diese Erfolge spiegeln mein Engagement wider, trotz Vertreibung und Herausforderungen etwas zu bewirken“, sagt sie.

Auch in Zukunft möchte Nargis sich intensiv in Wissenschaft und Forschung einbringen.

„Ich möchte zur Wissensproduktion beitragen, Bildungschancen erweitern und zukünftige Generationen von Studierenden und Forschenden unterstützen.“

Deutschland sieht sie als Land der Möglichkeiten:

„Deutschland bietet außergewöhnliche Bildungschancen. Die Ankunft hier sollte als Chance verstanden werden, einen neuen akademischen und beruflichen Weg einzuschlagen.“

Ihre abschließende Botschaft ist geprägt von Hoffnung und Stärke:

„Afghaninnen und Afghanen sind widerstandsfähig und voller Potenzial. Geflüchtete können mit den richtigen Chancen nicht nur überleben, sondern auch erfolgreich sein und einen wertvollen Beitrag zur Gesellschaft leisten.“

Und ihr Rat an alle Geflüchteten lautet:

„Glaubt an euch selbst. Bildet euch weiter, nutzt Chancen und bleibt beharrlich – eure Erfahrungen, euer Wissen und eure Fähigkeiten sind wertvoll, und euer Beitrag zählt.“

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